Mit Kampagnen kennt er sich aus, der Super Mario aus Thüringen. Der Mann, der mit dem zweitschlechtesten CDU-Ergebnis in der Geschichte des Freistaats seit 1990 vor gut einem Jahr Ministerpräsident geworden ist, wehrt sich. Und er hat Erfolg. Vorerst. Mario Voigt ist Ministerpräsident geblieben und kann jetzt auf die Trägheit aller Verwaltungsgerichte setzen. Denn normalerweise entscheiden diese nicht von heute auf morgen, sondern erst viele Tage nach über-über-übermorgen. So kann Mario Voigt im Amt bleiben und mindestens einmal die magische Grenze von zwei Jahren überschreiten, nach denen es Pensionsansprüche gibt. Dafür hat er eine perfekte Schuldumkehr hingelegt, der auch Stefan Weber so etwas ähnliches wie Respekt zollt. Der Plagiatsforscher, der die massiven Mängel in Voigts Arbeit aufgedeckt hat, schreibt mit Blick auf die Kampagne Voigts gegen die TU Chemnitz:
Mario Voigt ist nicht nur ein ziemlicher Plagiateur. Er ist auch ein begnadeter Manipulateur. Und als kleiner Schlingel ist er mir, ich gestehe es, gar nicht unsympathisch.
Dass viele Medien darauf hereingefallen sind und einen sofortigen Rücktritt als „falsche Entscheidung“ bezeichnen – so die Thüringer Allgemeine –, zeugt vom Erfolg dieser Kampagne. Man muss also konstatieren, dass Voigt bei seinem Plagiieren zum Thema politische Kampagnen zumindest gelesen und verstanden zu haben scheint, was er da abgeschrieben hat. Aber der Reihe nach.
Bild: Mario Voigt (links) mit Amtsvorgänger Bodo Ramelow am 12. Dezember 2024 (Foto: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0)
Am Anfang des Ganzen stand ein Gutachten. Natürlich von Stefan Weber, der mittlerweile jeden aus dem Reigen der Politiker durchleuchtet, der den Doktor vor dem Namen trägt oder auch nur, wie Annalena Baerbock, vorgibt, ein Buch geschrieben zu haben. Das ist Stefan Weber hoch anzurechnen, können wir so doch erkennen, welch Armleuchter und aufgeblasene Wichtigtuer sich mit dem Doktortitel schmücken, damit ihr wahres Wesen nicht auf den ersten Blick auffällt. Denn ein Doktor Irgendwer ist eben nicht nur einfach irgendwer, sondern immerhin ein Doktor. Und so begann 2024 auch diese Plagiatsgeschichte mit einem Gutachten von Weber. Er schickte kurz vor der Landtagswahl im August 2024 eine Plagiatsanzeige an die TU Chemnitz mit dem Fazit:
Zurück bleibt wieder einmal der Anschein von Wissenschaft; eine Dissertation, die den Aufwand und das Papier nicht wert war, da Grundregeln der Quellenarbeit, die sich vor spätestens 100 Jahren in der Wissenschaft etabliert hatten, nicht eingehalten wurden. Und kein Gericht der Welt wird mich daran hindern, das weiter aufzuzeigen.
Voigt hatte für seine Promotion im Jahr 2008 so getan, als ob er Originalquellen verwendet hätte, diese aber bei anderen Autoren abgeschrieben. Dies konnte Weber zunächst bei knapp 50, heute bei 140 Stellen nachweisen. Dazu kommen weitere Plagiate, die oftmals in einer Art Kreislaufwirtschaft im Kosmos der Konrad-Adenauer-Stiftung entstanden sind. Voigt schrieb bei Texten der Stiftung ab und veröffentlichte seine plagiierten Texte ebendort wieder.
Bild: Stefan Weber 2025 (Foto: Joachim Bergauer, CC BY 4.0)
Nach Webers Anzeige passierte lange nichts. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Denn in Chemnitz wurde geprüft. Was bedeuten die Vorwürfe für den Doktorgrad des Herrn Ministerpräsidenten? Man prüfte gründlich und genau, offenbar noch mit einem zweiten Gutachten. Und dann erhielt Voigt offenbar den Bescheid: Der Doktorgrad wird entzogen. Und was tat der Kampagnen-Profi nun? Er ging sofort in die Offensive. Er selbst verkündete die Nachricht und begegnete offensiv der logischen Konsequenz einer Rücktrittsforderung. Mario Voigt wechselte also in den Angriffsmodus gegen die TU Chemnitz. Mit einer rührigen Rede eines Landesvaters in der Erfurter Staatskanzlei vor der Presse. Die Universität habe die Spielregeln geändert und ein Gutachten nicht berücksichtigt, dessen Gesamtbewertung laut Bild-Zeitung wie folgt ausfiel:
Die Lektüre der Arbeit zeigt eine selbstständige wissenschaftliche Leistung, die den Ansprüchen an eine Doktorarbeit genügt. Umfang und Qualität der Verfehlungen sind nicht bedeutend genug, um den akademischen Grad zu entziehen.
Genau diese Sprachregelung war Voigt wichtig. Damit konnte er den Vorwürfen begegnen. Er habe eine „selbstständige wissenschaftliche Leistung“ erbracht, sagte er in einer persönlichen Stellungnahme sowohl in den sozialen Medien als auch auf der Pressekonferenz. Diese Leistung sei in einem Gutachten attestiert.
Kein Wort davon, dass neben dem Gutachten, das die TU in Auftrag gegeben hatte und das ihn angeblich entlastet, auch noch das von Stefan Weber existierte, das eine etwas andere Stoßrichtung hat. Und dass es in diesem vor allem darum ging, dass Voigt gegen die Zitierregeln verstoßen hat. Das mag man für kleinkariert oder eine Bagatelle halten, aber gerade in den Sozial- und Geisteswissenschaften ist es essenziell, dass der Leser erkennt, was vom Autor selbst ist, welche Literatur er verwendet hat und woraus er zitiert. Täuscht er die Lektüre nur vor, so handelt es sich eben um eine Täuschung. Wer will einen mutmaßlichen Täuscher als Ministerpräsidenten? Der Kommentator der Südthüringer Zeitung offenbar schon, er spielte die Bedeutung des Doktorgrads für den Politiker nach altbekannter Manier herunter:
Es ist dem Ministerpräsidenten und uns zu wünschen, dass der nun einsetzende Shitstorm schnell vorbeigeht – und Voigt und seine Gegner sich ihrer praktischen Arbeit widmen können. Dafür muss sich ein Politiker gegenüber Wählern rechtfertigen, nicht für ein paar Zitate in einem unerheblichen Uni-Papier.
Da muss nicht der Ministerpräsident relativieren, das tut die Zeitung für ihn. Und neben dem Verweis auf die eigene wissenschaftliche Leistung griff Voigt auch noch die TU an, weil diese die Basis der Bewertung geändert habe. Dabei konnte er auch deshalb in die Offensive gehen, weil die Gegenseite sich nicht durch eine offensive Kommunikation wehren konnte, wie auch Stefan Weber feststellt, denn es handelt sich um ein „nicht öffentliches Verwaltungsverfahren“. Denn: Da die Person Voigt und ihre Persönlichkeitsrechte betroffen sind, könnte jede Äußerung zum konkreten Fall von Voigts Anwälten gegen die TU Chemnitz verwendet werden.
Voigt blieb also im Amt und verwies auf seine staatspolitische Verantwortung. Denn die AfD als Oppositionspartei strebte ein konstruktives Misstrauensvotum an. Und nun konnte sich der Landesvater als ebensolcher beweisen. Da spielte es keine Rolle mehr, dass Voigt sich nicht mehr Prof. Dr. nannte. Jetzt konnte er sich inbrünstig vor die Brandmauer stellen und verkünden:
Dieses Misstrauensvotum dient nicht der Verantwortung gegenüber Thüringen. Es dient der Inszenierung. Thüringen braucht in diesen Zeiten keine Inszenierung. Thüringen braucht Stabilität, Verantwortung und harte Arbeit.
Thüringen also braucht, das scheint durch die Zeilen durch, Mario Voigt. Und zwar auch ohne Doktor. Der Landesvater führt seine Kampagne zu Ende und inszeniert sich als Fels in der Brandung, als aufrechter Verfechter der Demokratie.
Und die Medien? Sie folgen der Kampagne. Denn zu dieser gehört auch, dass jetzt einfach wieder der Alltag einzieht. Die AfD macht Opposition, die Regierung regiert, das ist für die Thüringer Allgemeine eben Demokratie. Der Ministerpräsident sei schnell an die Öffentlichkeit gegangen und wolle nun möglichst schnell ein Verfahren. Ansonsten werden nach dem Misstrauensvotum medial die Abweichler gesucht, denn Björn Höcke bekam eine Stimme mehr, als die AfD Abgeordnete hat, dazu enthielt sich ein weiterer.
Bild: Björn Höcke 2019 in Mödlareuth (Foto: PantheraLeo1359531, CC BY-SA 4.0)
Damit kann konstatiert werden: Die Vorwürfe sind relativiert, Voigt kann zwar nicht Doktor, aber Ministerpräsident bleiben. Da dürfte es für ihn auch zweitrangig sein, wenn die Medien vor Ort jetzt ihn und seine Partei beschädigt sehen. Im Kommentar der Zeit kommen die Vorwürfe kaum noch vor, stattdessen feiert man die „Demokraten“, da die Regierung nicht vorgeführt worden sei. Und die Süddeutsche Zeitung kommentiert, es sei richtig, dass Voigt auch ohne Doktorgrad im Amt bleibt. Der Kommentator biegt nach der Relativierung der Vorwürfe zu Björn Höcke ab, der „den demokratischen Parteien jede Vertrauenswürdigkeit“ absprechen wolle. Nun ist auch noch das Wort Vertrauen gefallen. Vertrauen und Plagiat. Perfekte Kampagne, Herr Voigt.
Zur Belohnung gibt es dann im Dezember die erwähnten Pensionsansprüche (neben Voigt auch für viele der Minister). Und vielleicht findet sich jemand, der diese Kampagne einmal von Anfang bis Ende analysiert. In einer Doktorarbeit oder anderswo, aber in jedem Fall mit den Originalquellen.
Helge Buttkereit ist Historiker, freier Journalist und derzeit in der Öffentlichkeitsarbeit tätig.
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