Sachsen oder Sachsen-Anhalt: Für viele Westdeutsche sind die beiden Bundesländer bis heute kaum zu unterscheiden. Denn deren Einwohner sind politisch, kulturell und geographisch (offenbar) immer noch weit weg von der guten, alten Bonner Republik – und waren und sind nicht wichtig. Beide liegen irgendwo „im Osten“, obwohl Sachsen-Anhalt genau genommen in Mitteldeutschland liegt.
Dabei gibt es den „Sachsen-Anhaltiner“ (oder den „Sachsen-Anhalter“) ohnehin nicht. Man ist Magdeburger oder Hallenser, Altmärker oder Anhaltiner. Kulturell und sprachlich ist der Südosten des Bundeslandes eng mit Sachsen verwandt, der Südwesten mitsamt dem Harz mit Thüringen und der Norden und Nordwesten mit Preußen oder Brandenburg. Auch die Schweizer haben viele kulturelle Einflüsse ihrer Nachbarn, vor allem der Deutschen, der Italiener und der Franzosen in ihre Kultur übernommen. Bietet sich also ein – zugegebenermaßen – gewagter Vergleich zwischen dem „Land der Frühaufsteher“ und dem „Land der Pünktlichen“ an?
Der Harz als eine Art Mini-Alpen ist für Norddeutschland das, was die (Schweizer) Alpen für Mitteleuropa sind. Das zentrale Mittelgebirge hat eine komplett eigene Sagenwelt, anspruchsvolle Wanderwege und (meist) Schnee im Winter. Sachsen-Anhalt punktet darüber hinaus mit dem Großen Goitzschesee, dem Geiseltalsee und dem Naturpark Saale-Unstrut-Triasland. Alle drei sind Regionen, in denen Wasser den Tourismus und die Lebensqualität prägt. In der Schweiz gilt das für den Bodensee, den Genfer und den Vierwaldstättersee. Wirtschaftliche Innovationen gibt es sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in der Schweiz: Pharma- und Chemieindustrie genießen jeweils Weltruhm.
Bild: Geiseltalsee 2020 (Foto: Frank Bothe, CC BY-SA 4.0)
Doch während die Schweiz seit vielen Jahren Zufluchtsort für deutsche Fachkräfte, Unternehmer und Freidenker ist, die genug haben vom „besten Deutschland, das es jemals gegeben hat“, zeigt sich zaghaft, aber spürbar eine innerdeutsche Wanderbewegung von West nach Ost. Das hat zwei Gründe: Die Schweizer Politik nähert sich immer stärker an die EU an – viele Vorteile wie direkte Demokratie, Redefreiheit, Daten- und Vermögensschutz und vor allem niedrige Steuern, die deutsche Auswanderer anziehen, scheinen sich damit schleichend in Luft aufzulösen oder an Brüssel anzupassen. Da kann man auch gleich in Deutschland bleiben und sich die Filetstücke raussuchen. Im Osten sind die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger als im Rest des Landes. Besonders junge Familien freuen sich dazu über ausreichend Kindergartenplätze – ganz ohne Bewerbungsschreiben wie in München oder Stuttgart.
Besonders Sachsen-Anhalt bietet attraktive Förderkonditionen und niedrige Grundsteuern für neue Unternehmen. Zudem sind die Gewerbeflächenpreise oft deutlich günstiger als im Westen. Das Bundesland punktet mit einer geringen Bevölkerungsdichte und viel Natur – es ist einfach jede Menge Platz da, und wem es seit 2015 in NRW oder dem Ballungsgebiet Frankfurt am Main schlichtweg zu „bunt“ geworden ist, der freut sich, wenn er sich problemlos in der Sprache Martin Luthers, Georg-Friedrich-Händels und Otto von Bismarcks verständigen kann und neben türkischen, arabischen und italienischen Essensangeboten auch zwischen deftiger altmärkischer Hochzeitssuppe, Magdeburger Bötel mit Lehm und Stroh oder Köthener Schusterpfanne wählen kann. Kulturell steht das oft abfällig als Transitland bezeichnete Bundesland seinen Nachbarn Thüringen und Sachsen in nichts nach, im Gegenteil: Die Dichte der Kultur- und Unesco-Welterbestätten in Sachsen-Anhalt ist rekordverdächtig – in Quedlinburg Stiftskirche, Schloss und Altstadt, dazu die Luthergedenkstätten Eisleben und Wittenberg, das Bauhaus von Dessau, das Gartenreich Wörlitz und der Naumburger Dom, vielleicht der schönste Sakralbau in Deutschland.
Bild: Schlossberg in Quedlinburg 2022 (Foto: Romzig, CC0)
2026 rückt das dünn besiedelte Sachsen-Anhalt, das vom westdeutschen Politikbetrieb gern ignoriert wird, in den Fokus des ganzen Landes. Die Landtagswahl könnte die Zerreißprobe schlechthin für die ehemaligen Volksparteien CDU und SPD bringen. Ende Januar lag die AfD mit 39 Prozent deutlich vor der Regierungspartei CDU mit 26 Prozent – die mitregierenden Parteien SPD und FDP liegen bei nur noch acht bzw. zwei Prozent. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund träumt sogar von der absoluten Mehrheit und verspricht den überbordenden Nanny-Staat einzudämmen: So soll beispielsweise die Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzt werden. Eltern sollen künftig selbst entscheiden können, ob ihre Kinder eine Schule besuchen oder zu Hause unterrichtet werden. Dazu sollen weitere staatliche Institutionen wie die Landeszentrale für politische Bildung geschleift werden, Siegmund fordert gar, die „GEZ“, den Rundfunkbeitrag, abzuschaffen und den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen.
Liberale und Libertäre verfolgen die Entwicklung gespannt, wohlwissend, dass vor allem die ostdeutsche AfD letztendlich eine Art moderne „Kohl-CDU“ sein will und eine solche Partei die Staatsräson auch künftig immer höher hängen wird als irgendwelche individuellen Bestrebungen der Bürger. Dennoch müsste spätestens hier der bundesdeutsche Politbetrieb hellhörig werden, denn auch in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern sind dieses Jahr Landtagswahlen. Auch dort legt die AfD in Umfragen jeweils deutlich zu und will viele Entwicklungen der letzten zehn Jahre rückgängig machen (Flüchtlingspolitik, Klima- und Energiepolitik). Doch die Empörungswelle ist bislang überschaubar. Dazu passt eine Aussage der ehemaligen Spiegel-Mitarbeiterin Melanie Amann mit Blick auf die West-CDU unter Kanzler Friedrich Merz:
Die bittere Wahrheit ist, dass es Teile gibt in der CDU-Führung und auch im Kanzleramt, die sagen: „Das ist doch nur der Osten.“ Die haben den Osten aufgegeben.
Der ein oder andere in Wernigerode, Magdeburg oder Aschersleben dürfte darüber vielleicht gar nicht so traurig sein.
Sven Brajer ist promovierter Historiker, freier Journalist sowie gelernter Einzelhandelskaufmann. Er lebt und arbeitet in Berlin und Görlitz und betreibt den Blog Im Osten.
Newsletter: Anmeldung über Pareto