Christoph Ahlhaus hat einen Brief geschrieben. An den Kanzler. Vermeldet der Focus. Das Wort „blankes Entsetzen“ kommt darin vor, und wer Christoph Ahlhaus kennt, weiß, dass er solche Vokabeln nicht leichtfertig wählt. Der Mann war Erster Bürgermeister von Hamburg – wenn auch nur sechs Monate lang, bevor die CDU unter seiner Führung 20,7 Prozentpunkte verlor und Olaf Scholz mit absoluter Mehrheit übernahm. Heute ist Ahlhaus Vorsitzender der Bundesgeschäftsführung des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), CDU-Mitglied und versteht etwas von Inszenierung. Die Frage ist nur: Wessen Entsetzen drückt er eigentlich aus?
64 Prozent von 1.175 befragten Unternehmen glauben nicht mehr an die versprochene Wirtschaftswende. 79 Prozent erkennen „nicht einmal mehr ein engagiertes Bemühen“ der Bundesregierung. Das sind bemerkenswerte Zahlen. Man sollte sie ernst nehmen. Aber man sollte auch fragen, wer hier eigentlich befragt wurde – und von wem.
Denn der BVMW, offiziell „Der Mittelstand“, ist ein Verband mit einer bemerkenswerten Geschichte der Selbstüberschätzung. Als das Handelsblatt 2015 genauer hinschaute, stellte sich heraus: Der Verband, der damals behauptete, 270.000 Unternehmen zu vertreten, hatte gerade einmal knapp 17.000 Abonnenten seiner Mitgliedszeitschrift. Interne Zahlen sprachen von gut 15.000 tatsächlichen Mitgliedern. Der Rest? Über Rabattaktionen von Versicherern in den Verband gekommene „Mitglieder“, die weder Stimmrecht noch Teilnahmerecht an Mitgliederversammlungen hatten. Das Handelsblatt titelte: „Der Schein-Riese.“ Der Verband hat dem Artikel bis heute nicht widersprochen.
Laut Lobbyregister des Bundestages gab es 28.090 Mitglieder (Stand: 24. Juni 2024). Bei rund 3,5 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland ist das weniger als ein Prozent. Und die Umfrage, die Ahlhaus dem Kanzler als „Alarmsignal“ und „Hilfeschrei“ unter die Nase reibt? Durchgeführt per Online-Befragung unter den eigenen Mitgliedsunternehmen, Teilnahme: 1.175. Das sind 4,2 Prozent der eigenen Mitglieder – und 0,03 Prozent des deutschen Mittelstands. Ein Alarmsignal ist das schon. Aber vielleicht ein anderes, als Ahlhaus meint.
Nun könnte man einwenden: Es kommt nicht auf die Größe an, sondern auf die Qualität der Argumente. Das stimmt. Schauen wir uns also an, wer hier argumentiert.
Bild: Christoph und Simone Ahlhaus 2010 (Foto: Udo Grimberg, CC BY-SA 3.0)
Christoph Ahlhaus, Jahrgang 1969, stammt aus einer Akademikerfamilie. Sohn einer Apothekerin und eines Chemieprofessors, aufgewachsen in Heidelberg. Banklehre, Jurastudium in Heidelberg, Berlin und München, Referendariat unter anderem an der German-American Chamber of Commerce in New York, Ergänzungsstudium an der Verwaltungshochschule Speyer. Mit 16 in die Junge Union eingetreten. Zwischendurch Gastmitglied einer schlagenden Verbindung im Coburger Convent. Das ist nicht gerade die typische Umgebung eines Mittelständlers.
Was in dieser Biografie fehlt: ein einziger Tag als Unternehmer. Kein Betrieb, keine Werkstatt, keine Mitarbeiter, keine Lohnabrechnung, kein Bankgespräch um halb acht morgens, bei dem man sich fragt, ob der Kredit durchgeht. Ahlhaus ist ein Karrierepolitiker und Verbandsfunktionär, der den Mittelstand aus der Perspektive von Berliner Podien kennt – nicht aus der Perspektive einer Lagerhalle in Pirmasens.
Das war bei seinem Vorgänger nicht anders. Mario Ohoven, der den BVMW von 1998 bis zu seinem Unfalltod 2020 führte, war Düsseldorfer Vermögensverwalter. Das Handelsblatt berichtete über seine Neujahrsansprachen, die aussahen wie die von Bundespräsident und Kanzlerin – nur dass bei Angela Merkels Silvesterrede mehr Menschen zuschauten. Vermögensverwalter als „Stimme des Mittelstands“ – das ist die Tradition, in der Ahlhaus steht.
Bild: US-Botschafter Richard Grenell (links) mit Mario Ohoven (Mitte) und Patrick Meinhardt (Foto: US-Botschaft 2019)
Und was fordert dieser Verband nun für den bedrängten Mittelstand? Man muss nicht lange suchen: Steuererleichterungen, Bürokratieabbau, Deckelung der Sozialversicherungsbeiträge. Ersatzlose Streichung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes. Gegen die EU-Entgelttransparenzrichtlinie – weil für ein bereinigtes Gender Pay-Gap von sechs Prozent die „Bürokratieböller zu groß“ seien.
Das ist nicht alles falsch. Aber es ist das Programm, das dieser Verband seit dreißig Jahren herunterleiert, unter jedem Kanzler, unter jeder Koalition. Es ist das Wunschkonzert des Arbeitgeberflügels der CDU, vorgetragen im Gewand mittelständischer Bodenständigkeit.
Was in diesem Programm nie vorkommt: Genossenschaften. Stiftungsmodelle. Regionale Wirtschaftskreisläufe. Unterstützungskassen. Alternative Eigentumsformen. Nichts, was den Mittelstand tatsächlich unabhängiger machen würde – von Großbanken, die Kredite vergeben, wenn es gut läuft, und kündigen, wenn es schlecht läuft. Von Bodenspekulation, die Gewerbeflächen unbezahlbar macht. Von einer Altersvorsorge, die auf Staatsanleihen gebaut ist, für die seit 2013 eine Enteignungsklausel gilt.
Statt Strukturen, die Unternehmer schützen, fordert Ahlhaus Bedingungen, die den Wettbewerb verschärfen – und hofft offenbar, dass am Ende genug für den Tischlermeister in der Oberpfalz übrigbleibt.
Wer noch Zweifel hat, wohin die Reise geht, muss nur drei Monate zurückschauen. Im November 2025 erklärte Ahlhaus, wie das ZDF berichtete, die „Brandmauer“ zur AfD sei gescheitert. Der BVMW werde sich „nicht wegducken“ und eine neue Position zum Umgang mit der Partei erarbeiten. Ein Dialog sei „nicht ausgeschlossen“.
Die Folgen waren vorhersehbar: Der BVMW Mittelrhein distanzierte sich öffentlich und hielt an der „Leipziger Erklärung“ fest. Unternehmen wie Rossmann und Fritz-Kola traten aus vergleichbaren Verbänden aus, die ähnliche Öffnungen vollzogen hatten. Die Familienunternehmer, die zuerst AfD-Abgeordnete eingeladen hatten, ruderten Wochen später zurück und nannten es einen Fehler.
Ahlhaus hingegen blieb auf Kurs. Das sagt mehr über seine politische Agenda als jeder Brandbrief an den Kanzler.
Das Entsetzen der mittelständischen Unternehmer ist real. Ihre Probleme sind sehr real. Aber der Überbringer der Nachricht vertritt weniger als ein Prozent von ihnen, war nie selbst Unternehmer, leitet einen Verband mit einer dokumentierten Geschichte aufgeblähter Mitgliederzahlen und hat im Herbst die Öffnung zur AfD eingeleitet.
Wer ernsthaft über Vermögensschutz für den Mittelstand sprechen will, muss über gemeinnützige Strukturen sprechen, über Vereine, die Immobilien halten, über Stiftungen, die Betriebsvermögen sichern, über Genossenschaften, die teure Infrastruktur gemeinsam finanzieren. Wer den Mittelstand wirklich stärken will, muss regionale Wirtschaftskreisläufe aufbauen – nicht globale Wettbewerbsfähigkeit predigen und Brandbriefe an den Kanzler schreiben.
Die richtige Frage lautet nicht: Warum tut der Staat nicht mehr für uns? Die richtige Frage lautet: Was können wir selbst tun – gemeinsam, regional, jetzt?
Die Nerven liegen blank. Aber nicht nur beim Mittelstand. Auch bei denen, die so tun, als sprächen sie für ihn.
Dr. Ulrich Gausmann ist Erfinder der Utopie-Akademie. Sein Buch „Wem die Welt gehören könnte“ (geschrieben mit Peter Schmuck) erscheint Ende Februar.
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