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Bericht | 18.12.2025
Den Befehl verweigern
Friedensaktivist Reiner Braun warnt vor der Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Deutschland und fordert eine offene Debatte.
Text: Bastian A. Werner
 
 

In einer Zoom-Veranstaltung der Friedensinitiative Zusammen für Frieden! JETZT! im November 2025 mit Reiner Braun, Urgestein der 80er-Friedensbewegung, erzählte Michaele Kundermann in der Anmoderation die Geschichte von Stanislaw Petrow:

Es ist der 26. September 1983, kurz nach Mitternacht. Das sowjetische Frühwarnsystem schlägt Alarm: eine amerikanische Atomrakete, angeblich auf dem Weg in die Sowjetunion. Petrow, eigentlich nicht im Dienst, vertritt seinen kranken Chef. Er meldet nach oben: Fehlalarm. Sein Bauchgefühl sagt ihm: Das kann nicht stimmen. Die Amerikaner würden im Ernstfall nicht eine Rakete starten, sondern ein ganzes Arsenal. Minuten später meldet das System vier weitere Starts. Petrow gerät ins Schwitzen. Ist es noch ein Fehlalarm? Er bleibt dabei – und funkt wieder: Fehlalarm. Die schlimmsten zwanzig Minuten seines Lebens beginnen. Er wartet, ob das Bodenradar Einschläge meldet. Nichts. Später klärt sich der Irrtum auf: Ein Satellit hatte Sonnenlicht auf Wolken für Raketenschweife gehalten.

Petrow wurde dennoch wegen Missachtung des Protokolls angeklagt. Die Sowjetunion wollte den Vorfall verschweigen und kleinreden – das Versagen des Frühwarnsystems sollte nicht bekanntwerden. Erst 1993 erfuhr der Westen davon. Petrow starb 2017 verarmt. Posthum erhielt er Ehrungen – und in Oberhausen steht seit 2019 das weltweit einzige Denkmal für ihn. Kundermann fragt in die Runde: Wäre so etwas heute noch möglich?

Die stille Gefahr

Diese Frage leitet über zu Reiner Braun, der über die geplante Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland spricht. Was folgt: eine halbe Stunde technische Präzision.

  • SM-6 Standard Missile, Reichweite 370 Kilometer.
  • Tomahawk, bodengestützter Marschflugkörper, 1.700 bis 2.500 Kilometer Reichweite, Einschlagradius zehn bis dreißig Meter, fliegt unter dem Radar.
  • Dark Eagle, Hyperschallwaffe, 3.000 Kilometer Reichweite, Mach 6 bis 8, variiert die Flughöhe zwischen über 100 Kilometern und knapp über dem Boden.
  • Bisher tragen diese Raketen nur konventionelle Sprengköpfe. Atomsprengköpfe dafür sind in den USA in Entwicklung.

Braun nennt sie beim Namen: Erstschlagswaffen. Waffen, gebaut, um die Kommandozentralen des Gegners zu enthaupten, bevor dieser reagieren kann. Scholz habe die USA um diese Raketenstationierung gebeten – so lange, bis Europa eigene Raketen entwickelt habe. Vereinbart am 10. Juli 2024 am Rande des NATO-Gipfels in Washington statt – in einer, so Braun, geheimen Absprache zwischen Scholz und Biden. Weder in der Nato noch anderswo sei die Stationierung beraten worden. Die Waffen sollen ab 2026 nach Deutschland kommen, gesteuert von der Multi-Domain Task Force in Wiesbaden, unter ausschließlichem Befehl des US-Präsidenten. Deutschland, so Braun, habe über diese Waffen „nichts, aber auch gar nichts zu entscheiden“.

Wer schützt uns heute?

Man stelle sich das vor: Ein Friedensaktivist listet im Zoom-Call technische Spezifikationen auf, nennt Reichweiten, Geschwindigkeiten, Treffgenauigkeiten. Er liefert Quellen, erklärt Waffensysteme, unterscheidet zwischen konventioneller und möglicher atomarer Bestückung. Er tut das, weil es sonst niemand tut. Nicht Tagesschau, nicht Süddeutsche, nicht Die Zeit. Die Stationierung wurde im Juli 2024 angekündigt – und die mediale Resonanz? Ein kurzes Aufflackern. Danach Schweigen.

Braun spricht von der „Legitimationsfigur Feindbild Russland“. Er sagt:

Das Feindbild Russland entspricht nicht der Wahrheit. Es ist eine propagandistische Darstellung, die dazu dient, die deutsche Bevölkerung zu täuschen und sie kriegstüchtig und kriegsreif zu machen.

Die Nato sei Russland in allen militärischen Bereichen drei- bis siebenfach überlegen. Selbst der Zusammenschluss der US-Geheimdienste habe festgestellt, dass Russland keinen Angriff auf die Nato plane. Die Defense Intelligence Agency schreibt 2025:

Russia almost certainly does not want a direct military conflict with U.S. and NATO forces.

Das sind keine Meinungen. Das sind Fakten aus offiziellen US-Geheimdienstberichten. Und doch dominiert in der deutschen Öffentlichkeit eine andere Erzählung: die von der russischen Bedrohung, von der Notwendigkeit der Abschreckung, von der Alternativlosigkeit der Aufrüstung. Wer diese Erzählung hinterfragt, landet schnell in einer Ecke. Friedensbewegung? Naiv. Putin-Versteher? Gefährlich.

Dabei ist die Frage, die Braun stellt, existenziell. Diese Waffen verkürzen die Vorwarnzeit auf wenige Minuten. Bei Interkontinentalraketen war es noch eine halbe bis dreiviertel Stunde. Jetzt geht es um Minuten – „bevor die Katastrophe, die Zerstörung ganz Europas geschieht“. Die Gefahr eines Krieges durch einen technischen oder menschlichen Fehler steigt. Und die Frage, die Kundermann zu Beginn stellte, bekommt beklemmende Aktualität: Gibt es in diesen Systemen noch Raum für menschliche Intuition? Für einen Stanislaw Petrow, der sich gegen einen Befehl stellt?

Vom Krefelder zum Berliner Appell

Die Friedensbewegung organisiert sich. Der Berliner Appell gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen hat über 82.000 Unterschriften. Am 29. März 2025 demonstrierten 4.000 Menschen in Wiesbaden, am 20. September 2025 etwa 250 in Grafenwöhr. Braun spricht von Aktionen des zivilen Widerspruchs – wie in den 1980er Jahren. Die Bewegung lebt, sie ist aktiv. Doch sie bleibt im medialen Schatten, anders als damals, als die Friedensbewegung in den Leitmedien intensiv beleuchtet wurde. Reiner Braun spricht aus Erfahrung.

Zur Erinnerung: Der Krefelder Appell, an dem Reiner Braun maßgeblich beteiligt war, war der deutliche Aufruf der westdeutschen Friedensbewegung an die damalige Bundesregierung, das 3. Kabinett unter Bundeskanzler Helmut Schmidt nach der Bundestagswahl 1980. Die klare Forderung: Die Zustimmung zur Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Europa (Nato-Doppelbeschluss) sollte zurückgezogen werden. Zudem sollte die Bundesregierung innerhalb der Nato auf ein Ende des atomaren Wettrüstens drängen. Am 16. November 1980 wurde der Appell in Krefeld öffentlich vorgestellt und bis 1983 von über vier Millionen Bundesbürgern unterzeichnet – darunter Petra Kelly, Mitbegründerin der Partei „Die Grünen“.

Frieden ist keine Randnotiz

Das eigentliche Problem ist nicht, dass Friedensaktivisten technische Details vortragen. Sondern dass sie es tun müssen, weil die Institutionen, die dafür zuständig wären – Journalismus, Politik, Wissenschaft – ihrer Aufgabe nicht nachkommen. Die Stationierung von Waffen, die Deutschland zum Ziel machen, die unter ausschließlich amerikanischem Kommando stehen, die die Vorwarnzeit auf Minuten verkürzen: Das ist keine Randnotiz. Das ist die Frage von Krieg und Frieden. Und doch wird sie behandelt, als sei sie bereits entschieden.

Die Deutungshoheit liegt bei denen, die von Abschreckung sprechen, von Sicherheit, von Notwendigkeit. Die Gegenstimmen – präzise, faktenbasiert, mit Quellen belegt – finden in Vorträgen oder in Zoom-Calls statt, organisiert von Friedensbewegten, die sich mühsam zusammenschließen. Sie erreichen vielleicht ein paar Tausend Menschen. Die Tagesschau erreicht Millionen.

Wer rettet die Welt heute?

Stanislaw Petrow hat 1983 die Welt gerettet, weil er seinem Bauchgefühl vertraute und den Befehl verweigerte. Heute stellt sich die Frage: Wer verweigert den Befehl, wenn die Systeme so schnell sind, dass keine Zeit mehr bleibt? Und wer verweigert den Befehl und informiert die Öffentlichkeit über das, was auf dem Spiel steht? Die Antwort darauf gibt nicht die Regierung. Nicht die Nato. Und offenbar auch nicht der Journalismus. Die Antwort kommt von aufgewachten – um nicht zu sagen aufgeschreckten – Friedensaktivisten wie Reiner Braun, von bekannten Persönlichkeiten, die sich trauen, öffentlich den Mund aufzumachen, wie etwa Didi Hallervorden, von Mitstreitern der Bewegung „Zusammen für Frieden! Jetzt!“, von Friedensparteien, von Organisatoren der Friedensdemos und Infoveranstaltungen oder auch den besorgten Journalisten der Gegenöffentlichkeit. Das sind keine Heldengeschichten. Das ist ein schlechtes Zeugnis für eine Demokratie, die ihre eigenen Grundlagen nicht mehr zu verteidigen scheint.

Bastian A. Werner hat im März 2025 am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

Interview mit Reiner Braun über die US-Militärbasen in Deutschland

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Bildquellen: Frank Rietsch, Pixabay