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Kommentar | 12.02.2026
Das Versagen der Wächter
Die Epstein Files zeigen ein mediales System, das selbst zu tief verstrickt ist, um als unabhängiger Kontrolleur zu agieren.
Text: Bastian Alexander Werner
 
 

In einer Gesellschaft, in der bis zu 99 Prozent unserer Informationen über professionelle Medien vermittelt werden, ist die Wirklichkeit nichts anderes als das, was uns gezeigt wird. Gemeinhin wird der Journalismus als ein Feld betrachtend, das eigentlich die Politik kontrollieren sollte, in der Realität jedoch oft umgekehrt von dieser gesteuert wird oder zum Kuschelfreund verkommen ist. Journalismus als vierte Säule der Demokratie? Fehlanzeige. Der Fall Jeffrey Epstein ist das ultimative Exempel für diese verkehrte Welt. Mit der Freigabe von Millionen an Seiten aus den Untersuchungsakten bot sich die Chance auf eine fundamentale Revision der Machtverhältnisse. Doch statt einer Aufklärung erleben wir eine Medialisierung, die das System schützt, indem sie Individuen opfert.

Die Kunst der Entschärfung

Die Reaktion der großen Medienhäuser nach der Veröffentlichung der Akten war von einer merkwürdigen Eile geprägt, Entwarnung zu geben. „Keine neuen Namen“, „Vieles bereits bekannt“, „Nennung bedeutet keine Straftat“ – so lautete der Tenor von CBS bis New York Times. Diese Rahmung dient einem doppelten Zweck: Sie befriedigt die Neugier der Massen mit bereits verdauten Informationen und schützt gleichzeitig die Integrität der Elitennetzwerke, indem sie die Relevanz der neuen Details systematisch herunterspielt.

Man konzentriert sich auf prominente Randfiguren wie zum Beispiel Michael Jackson, nur um im nächsten Satz zu betonen, dass diese keinerlei Fehlverhaltens beschuldigt würden. Diese Strategie der „Normalisierung“ ist ein struktureller Teil der US-Presseberichterstattung, der dazu führt, dass die moralische Führung und die notwendige Abrechnung ausbleiben. Während in Europa Regierungsmitglieder und Botschafter über ihre Verbindungen zu Epstein stürzten, blieb die Reaktion in den Vereinigten Staaten – dem Epizentrum des Skandals – auffallend gedämpft.

Die industrielle Architektur des Missbrauchs

Wer die Akten jenseits der medialen Häppchen liest, erkennt nicht nur Einzelfälle von moralischem Verfall, sondern eine industrielle Architektur der Ausbeutung. Die Rekonstruktion der Ereignisse zeigt, dass Epstein und Maxwell ein System geschaffen hatten, das die Schwächen der Rechtsstaatlichkeit gezielt ausnutzte. Es war ein Netzwerk, das auf nacktem Transaktionalismus basierte: Zugang zu Opfern gegen Zugang zu Macht und Kapital.

Die Zeugenaussagen von Johanna Sjoberg und Virginia Giuffre offenbaren die Methodik: Mädchen wurden oft direkt von der Schule oder aus prekären Verhältnissen rekrutiert, mit dem Versprechen auf eine glanzvolle Zukunft als Model. In Epsteins Anwesen in Palm Beach, Manhattan, auf seiner Ranch in New Mexico und auf seiner Privatinsel wurden sie dann in ein System gepresst, in dem sexuelle Gewalt als „Massage“ umdefiniert wurde. Die forensische Prüfung zeigt, dass dieses System ohne die aktive Mitwirkung von Ghislaine Maxwell, die als Organisatorin und Instrukteurin fungierte, nicht hätte existieren können.

Dass dieses Treiben über zwei Jahrzehnte ungestört fortgesetzt werden konnte, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer regelrechten Kryptodoxie, einer im verborgene oder im Geheimen praktizierten Rechtgläubigkeit, die das Wissen über diese Verbrechen für die offizielle Justiz unsichtbar machte. Maxwell behauptet zudem, sie habe keine Kenntnis von der Minderjährigkeit der beteiligten Mädchen gehabt, was durch die polizeilichen Ermittlungen von Palm Beach widerlegt wird, die dokumentieren, dass Opfer oft erst 14 Jahre alt waren, als sie in das System eintraten, einige von ihnen wahrscheinlich noch jünger.

Die Schutzzone der Immunität

Der eigentliche Widerspruch in der offiziellen Erzählung der Gerechtigkeit findet sich im Jahr 2008, im sogenannten Sweetheart Deal von Florida. Der damalige Staatsanwalt Alexander Acosta – später Arbeitsminister unter Donald Trump – handelte eine Vereinbarung aus, die Epstein vor Bundesstrafen schützte und seinen nicht namentlich genannten Mitverschwörern faktische Immunität garantierte. Dieser Deal war kein juristischer Fehler, sondern eine Manifestation von Elite-Privileg. Zur Einordnung: In juristischen Kreisen beschreibt ein Sweetheart Deal eine Vereinbarung, meist zwischen Politik und Wirtschaft, die oft nur für eine Seite vorteilhaft ist und unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder ohne fairen Wettbewerb zustande kommt.

Die unversiegelten Akten von 2024 und 2025 vertiefen diesen Widerspruch von Erzählung und Gerechtigkeit noch weiter, anstatt ihn aufzulösen. Sie zeigen, dass die Behörden bereits 2007 über detaillierte Zeugenaussagen und Beweise für einen massiven Sexhandelsring verfügten, sich aber entschieden, die Ermittlungen einzustellen. Die Wenigen – die Täter – schützten sich gegenseitig, während die Opfer – die Vielen – marginalisiert und ignoriert wurden. Selbst die massiven neuen Veröffentlichungen unter dem Epstein Files Transparency Act blieben unvollständig. Millionen von Seiten wurden zurückgehalten, was US-Abgeordnete wie Jamie Raskin als „Voll-Cover-up“ bezeichneten, als Kaschierung der Tatsachen. Die Botschaft ist klar: Das System ist – nun endlich – bereit, die Details von Epsteins Perversionen preiszugeben, aber niemals die Mechanismen seiner Immunität.

Ablenkung und Erosion

Die Techniken, mit der die Eliten ihre Position halten und ihre Interessen wahren, haben sich im digitalen Zeitalter verfeinert. Man kann eine strategische Nutzung von sozialen Medien und linguistischer Innovation festhalten, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu steuern. Die Sprache wird systematisch den gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst. Eine computergestützte Textanalyse zeigt beispielsweise, wie politische Akteure auf Truth Social ihre Kommunikation radikal verändern, wenn das Thema Epstein in den Medien hochkocht – das Publikum wird so erfolgreich von den belastenden Inhalten der Akten abgelenkt.

Gleichzeitig findet eine Erosion der journalistischen Ressourcen statt. Während der Epstein-Skandal seinen Höhepunkt erreichte, wurden bei Flaggschiffen wie der Washington Post hunderte Stellen gestrichen. Ein geschwächter Journalismus ist nicht mehr in der Lage, die komplexen Verflechtungen zwischen der Milliardärsklasse, dem Silicon Valley und politischen Entscheidungsträgern zu durchleuchten. An die Stelle von Aufklärung tritt die Zirkulation von KI-generierten Falschmeldungen, sogenannten Viral Hoaxes, die lediglich dazu dienen, das Vertrauen in die tatsächlichen gerichtlichen Fakten zu untergraben.

Das Schweigen als Systemerhalt

Die Analyse der Epstein-Akten führt zu einem ernüchternden Schluss: Die Veröffentlichung von Dokumenten ist nicht gleichbedeutend mit Transparenz. Wahre Transparenz würde bedeuten, die Strukturen offenzulegen, die es ermöglichen, dass Macht über dem Gesetz steht. Doch was wir sehen, ist eine Ossifizierung, eine Verkrustung beziehungsweise Verfestigung der Elitenherrschaft. Die Medien fungieren hierbei oft als Puffer, der den Zorn der Vielen in harmlose Bahnen lenkt.

Jeffrey Epstein ist tot, und Ghislaine Maxwell sitzt im Gefängnis. Doch das Netzwerk der Begünstigten, die Finanzierer und die politischen Schirmherren, all das bleibt weitgehend unangetastet. Die Epstein Files sind ein Spiegel unserer Zeit: Sie zeigen die moralische Insolvenz einer globalen Elite und das Unvermögen eines medialen Systems, das selbst zu tief in diese Strukturen verstrickt ist, um als unabhängiger Kontrolleur zu agieren. Die Welt ist kompliziert geblieben. Die Akten haben sie nicht einfacher gemacht. Sie haben nur bestätigt, was wir ohnehin wussten, aber nicht wahrhaben wollten. Macht schützt Macht. Und das Schweigen ist ihr bester Wächter.

So wird eine neue Generation von Journalisten nötig sein, welche die Perspektive derer einzunehmen vermag, die von diesem System zerquetscht wurden. Bis dahin bleiben die unversiegelten Akten das, was sie sind: ein Friedhof der Gerechtigkeit, auf dem die Wahrheit unter Millionen von Seiten und schwarzen Balken begraben liegt. Die Macht schweigt, weil sie es kann, die Presse kuscht, weil sie es nicht anders will, und drei Millionen Seiten sind unter Verschluss. Das ist kein Journalismus, das ist Komplizenschaft. Wer die Wahrheit sucht, muss tief graben, denn die Opfer schreien und die Elite lacht. Gerechtigkeit sieht anders aus. Wer schützt die Kinder? Nicht dieses System und nicht diese Medien. Denn dort geht das Schweigen weiter.

Bastian Alexander Werner hat am Kompaktkurs Journalismus an der Freien Akademie für Medien & Journalismus teilgenommen.

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Bildquellen: Geoff Livingston, CC BY-SA 4.0 (Protest in Washington D.C., Juli 2025)