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Medien-Tresen | 16.01.2026
Comeback unter Beschuss
Soul-Star Xavier Naidoo ist wieder auf Konzerttour und in Bestform – die Diffamierungspresse allerdings auch.
Text: Eugen Zentner
 
 

Es ist das Überraschungscomeback schlechthin. Soul-Star Xavier Naidoo betritt nach langjähriger Pause die große Live-Bühne. Zehn Abende in acht Städten sind es insgesamt, die er absolviert. Den Auftakt machte er im Dezember in Köln. Anfang Januar folgten München, Oberhausen und Hamburg. Nächste Woche kommt er nach Berlin und Leipzig, danach nach Stuttgart. Alle Konzerte sind ausverkauft. Naidoo wird noch immer geliebt, obwohl die Mainstreampresse es krampfhaft zu verhindern versucht hat. Die Menschen schätzen den Musiker für seine unangepasste Haltung, für seinen wachen Geist und für seinen Mut, den er vor allem während der Corona-Krise bewies. Kein anderer Künstler war so kritisch wie er, keiner erhob so lautstark seine Stimme. Naidoo legte stets den Finger in die Wunde und lehnte sich durchaus weit aus dem Fenster, zeigte aber auch Charakterstärke, als er öffentlichkeitswirksam erklärte, das eine oder andere Mal über das Ziel hinausgeschossen zu sein.

Doch der Mainstreampresse fällt es schwer zu verzeihen. Das zeigen die Reaktionen auf sein Live-Comeback, in denen das Dilemma bereits auf der Sprachoberfläche mitschwingt. Einerseits hat sich der Musikstar geläutert gezeigt, andererseits können die Leitmedienjournalisten ihn nicht plötzlich loben, nachdem sie ihn über Jahre schonungslos verunglimpft haben. Es besteht sogar die Gefahr, durch zu nette Worte Kontaktschuld auf sich zu laden. Deswegen nähern sich einige Autoren der Angelegenheit erstmal in Frageform. „Wie geht man mit solchen Rückkehrern um?“, heißt es in der NZZ bereits im Titel. Etwas konkreter wird der Focus: „Hat Xavier Naidoo eine zweite Chance verdient?“ Alba Wilczek vom Bayerischen Rundfunk gibt im Teaser sogar zwei Handlungsoptionen vor: „Sollte man den Sänger gewähren lassen, oder ihm die Bühne besser verwehren?“

Man ahnt schon, wofür sich die Autorin ausspricht. Sie spricht es jedoch nicht selbst aus, sondern lässt andere sprechen, Menschen, die Naidoo nicht auf der Bühne sehen wollen. Zitiert werden die Olympiapark München GmbH oder Marie Burneleit aus dem Münchner Stadtrat, die sich beide von dem Musiker – na klar: „distanzieren“. Generell fällt auf, dass fast alle Artikel zu Naidoos Comeback mit dessen angeblichen Verfehlungen anfangen. Die NZZ liefert sogar eine Chronologie des Sinkflugs, samt Textanalyse, bei der jede „anrüchige“ Zeile seziert wird. Die Autoren scheinen miteinander um die kreativste Wortschöpfung zu konkurrieren. Vom „QAnon-Jünger“ ist die Rede, vom „Gefallenen“ und vom „Schwurbler“, der „rechtsextremes“, na oder „rechtsoffenes“ Gedankengut verbreitete, der mit der „Nähe zu Reichsbürgern und verschwörungsideologischen Erzählungen“, mit „antisemitisch konnotierten Äußerungen“, ja mit „antisemitischen Codes“ für Aufsehen sorgte.

Auch Wilczek erinnert in ihrem BR-Beitrag an Naidoos „Radikalisierung“ während der „Pandemie“. Als Beleg dient dann ein Artikel von 2014 (!). Garniert wird die Verteufelung mit einem Verweis im Wikipedia-Stil:

Ende 2021 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass der Sänger als Antisemit bezeichnet werden durfte.

Drei Pinselstriche und das Feindbild flimmert.

Etwas tiefer im Framing geht die Literaturschmiede aus dem Relotius-Haus. Spiegel-Autor Tobias Rapp stellt Naidoo gleich als Suchtkranken dar und fragt im redaktionstypischen Moralismus-Ton:

Wie geht das? Wie deradikalisiert man sich? Wie findet man aus den Misstrauensgemeinschaften der Querdenker zurück in die Gesellschaft?

Gemeint sind wohl Andersdenkende, Bürger, die nicht jedem offiziellen Narrativ Glauben schenken und nach den Enttäuschungen der letzten Jahre weder der Regierung noch den Leitmedien vertrauen.

Während man solchen Menschen in der Blütezeit der Aufklärung noch kritischen Geist attestiert hätte, betrachtet man sie heutzutage als Verrückte, als Ausgesonderte. Das ist Foucault in nuce: Naidoo wird als Repräsentant des Wahnsinnigen ausgegrenzt, zum Schweigen gebracht und dann Prozeduren der Disziplinierung ausgesetzt. Nachdem er über drei Jahre geschwiegen hat, wie Tobias Rapp hervorhebt, soll er endlich etwas sagen, allerdings nicht irgendwas, sondern Worte des Bedauerns. Er soll Abbitte leisten, niederknien und seine Schuld noch einmal auf großer Bühne bekennen. Der Spiegel greift ihm dabei sogar unter die Arme:

Ich hatte mich verrannt, hätte er sagen können. Ich habe den Weg heraus nicht mehr gefunden, deshalb musste ich mich für eine Weile zurückziehen.

Weil Naidoo aber diese doch so einfachen Bekenntnisse nicht ausgesprochen hat, muss der Spiegel-Journalist leider, leider weiterhin streng bleiben und den anscheinend immer noch „Wahnsinnigen“ disziplinieren – mit eben dieser Art von Berichterstattung. Wenn er seine Läuterung nicht bald performativ kundtut, wenn er beim nächsten Konzert die Leitmedien nicht endlich um Verzeihung bittet, dann wird es weiterhin Kampfbegriffe hageln. Noch häufiger als in den Leitmedien fallen sie jedoch in den Musikmagazinen. Die dortigen Wortakrobaten sind meist jünger und ohnehin auf Meinungsbeiträge spezialisiert. Sie haben zwar noch keinen Bachelor-Abschluss, dafür aber eine große Klappe. Und zu welchen Tönen diese sich manchmal versteigt, demonstriert (der allerdings auch nicht mehr so junge) Linus Volkmann vom Musikexpress:

Im Dezember entsteigt der gefallene Reichsbürger-Versteher, Corona-Leugner und Hooligan-Kuschler Xavier Naidoo der Gruft und betritt wieder große Bühnen.

Das Magazin Tonspion macht Naidoo sogar zur „prominenten Symbolfigur für die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland“. Mehr geht nicht.

Die hochgehaltene „Gesellschaft“ scheint tatsächlich geteilt zu sein, in eine mediale und eine reale. Während in der letzteren Menschen analog aufeinandertreffen, gemeinsam Naidoos Musik lauschen und das Leben genießen, bauschen Mainstream-Journalisten in ihrer virtuellen Welt am Rechner Vorgänge auf, die das Leben bloß simulieren. Sie haben sich so sehr von der Realität abgekoppelt, dass sie in ihrer Redaktionsstube immer mehr wie der axtschwingende Jack Nicholson in „Shining“ wirken. An dieser Stelle sei die Frage erlaubt: Wie findet man aus dieser Wahnwelt zurück in die Gesellschaft?

Eugen Zentner, Jahrgang 1979, ist Journalist, Sachbuchautor und Erzähler.

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Bildquellen: Pressefoto, Live Nation