Der Brandanschlag auf eine Kabelbrücke über dem Teltow-Kanal und der darauffolgende Stromausfall im Südwesten Berlins haben mehr offenbart als ein regionales Versorgungsproblem. Rund 40.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen waren über fünf Tage hinweg ganz oder teilweise ohne Strom. Weil ein Teil der Bundeshauptstadt betroffen war, hätte man erwarten dürfen, dass die politisch Verantwortlichen sich an die Bevölkerung wenden, Mut zusprechen, Präsenz zeigen und glaubhaft vermitteln, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Lage zu bewältigen. Doch genau das blieb aus.
Stattdessen zeigte sich ein erschreckend dilettantischer Umgang der Landes- und Bundespolitiker mit der Notlage. Während eine Flüchtlingsunterkunft frühzeitig evakuiert und deren Bewohner in Hotels untergebracht wurden, blieb die einheimische Bevölkerung weitgehend sich selbst überlassen. Anwohner berichteten davon, dass sie kaum Unterstützung erhielten. Pflegebedürftige Menschen wurden teils notdürftig in öffentlichen Einrichtungen auf Feldbetten untergebracht. Eine 83-jährige Frau starb in ihrer Wohnung an Unterkühlung. In einem Seniorenheim harrten die 94 Bewohner – darunter Palliativpatienten – bei 16 Grad Zimmertemperatur aus.
Selbst die taz übte deutliche Kritik an Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU). Sie prangerte an, dass dieser zunächst durch Abwesenheit glänzte und erst am Abend des zweiten Tages gemeinsam mit Innensenatorin Iris Spranger eine kurze Visite im betroffenen Bezirk Steglitz-Zehlendorf machte. „Dabei wirkte er überfordert angesichts der Not der Menschen“, so die Zeitung.
Auch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der qua Amt Zuversicht vermitteln und den Bürgern Halt geben sollte, kam bislang kein Wort, obwohl sich die Ereignisse unweit seines Amtssitzes abspielten. Offenbar lagen seine Prioritäten an anderer Stelle.
Bundeskanzler Friedrich Merz meldete sich erst an dem Tag zu Wort, an dem der Strom wieder zurückkehrte – von der CSU-Klausurtagung in Seon. Kein Wort des Mitgefühls für die Betroffenen, stattdessen Lob für das Krisenmanagement seines Parteikollegen Wegner. An den Abläufen gebe es „nichts zu kritisieren“. Ein durchschaubares Manöver, um sich selbst und die eigene Partei als fehlerfrei darzustellen.
Bild: Friedrich Merz 2020 bei einer CSU-Veranstaltung in München (Michael Lucan, CC-BY-SA 3.0)
All das lässt den Eindruck entstehen, als befänden sich politische Vertreter und Bevölkerung längst in einer toxischen Beziehung. Der Berliner Blackout führt vor Augen, dass Politiker, die einen Eid auf das Wohl der Bürger geschworen haben, diesem Anspruch immer weniger gerecht werden. Ein Anwohner bringt es im Interview mit NIUS auf den Punkt: „Wir haben für alles Geld, aber wenn es um das eigene Land geht, knickt man ein.“
Die Mehrheit der deutschen Bürger scheint sich daran gewöhnt zu haben, schlecht behandelt und schlecht regiert zu werden. Selbst nach schwerwiegenden Vorfällen bleibt ein echter Bottom-up-Protest aus. Man geht mit stoischer Gelassenheit zur Tagesordnung über. Gehen Sie weiter – hier ist nichts passiert.
Paartherapeuten beschreiben toxische Beziehungen als Dynamiken, die von Angst, Erschöpfung, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit und dem Verlust der eigenen Identität geprägt sind. Auffallend viele dieser Symptome lassen sich inzwischen auch in der deutschen Gesellschaft beobachten.
Politik und Medien – als toxischer Teil dieser Beziehung – setzen den Bürger zunehmend unter Druck. Sorgen um das eigene Land werden nicht aufgegriffen, sondern problematisiert. Menschen werden in einem simplen Gut-Böse-Schema kategorisiert: Wer dazugehört, darf bleiben; wer abweicht, wird ausgegrenzt, diffamiert oder im schlimmsten Fall beruflich vernichtet. Das schafft ein Klima, in dem Gewalt gegen Menschen mit der vermeintlich „falschen“ Meinung zumindest billigend in Kauf genommen wird.
In einer solchen Beziehung würde jeder Therapeut raten, sich zu schützen und Abstand zu gewinnen. Doch genau hier setzt der toxische Partner an: Er redet dem Opfer ein, es wäre ohne ihn nichts. Er nutzt alle Mittel, um Abhängigkeit zu erzeugen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die öffentlich-rechtlichen Medien, die die Regierungsmeinung weitgehend stützen. Alternative Medien gelten hingegen als Bedrohung. Bezeichnend ist die Aussage des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther, der alternative Medien jüngst zu Feinden der Demokratie erklärte, die bekämpft werden müssten.
Doch dieser Kampf dürfte zu spät kommen. Immer mehr Menschen informieren sich außerhalb der etablierten Medien und ein Verbot würde vermutlich das Gegenteil dessen bewirken, was die Politik beabsichtigt. Dass der Staat an seine Grenzen stößt, beschreibt auch der Historiker und Publizist Michael Wolfssohn. Wenn Politik ihre Bürger ständig zu mehr Zivilcourage aufruft, bedeutet das letztlich: „Schützt euch selbst – wir können es nicht mehr.“ Für Wolfssohn sind das Anzeichen eines dysfunktionalen Staates, der seine Schutzfunktion nach innen und außen nicht mehr erfüllen und seine Bürger nicht mehr an sich binden kann.
Zunächst braucht es die ehrliche Anerkennung, dass Politik und Bürger an einem Punkt angekommen sind, an dem es so nicht weitergeht. Das System ist überspannt. Ein Ausweg ist nur möglich, wenn beide Seiten bereit sind, ihr Verhalten zu ändern und wieder in einen fairen, respektvollen Dialog einzutreten.
Im nächsten Schritt müssen die Ursachen dieser Entwicklung offen analysiert werden. Es gibt zahlreiche kluge, aber bisher nicht gehörte Stimmen, die sich mit den gesellschaftlichen Dynamiken in Deutschland beschäftigen und helfen können, festgefahrene Denkmuster zu durchbrechen. Ein Beispiel ist das Buch „Die Wiedergutmacher“ von Raymond Unger.
Am Ende kann nur ein gemeinsamer Neuaufbau der Beziehung stehen. Vertrauen wächst dort, wo Offenheit und Ehrlichkeit herrschen und niemand ausgegrenzt wird. Einen solchen Heilungsprozess kann man diesem Land nur wünschen.
Simone Manger machte sich nach Ausbildung, Studium und Tätigkeit in verschiedenen Organisationen 2023 mit ihrem Unternehmen „particeps informal“ selbständig.
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