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Interview | 11.05.2024
„Da war so viel Wahnsinn“
Die Leitmedien haben bei Corona versagt. Ein Lichtblick: Simone Schamann, damals beim Nordkurier. Jetzt rechnet sie mit ihrer Zunft ab.
Text: Mirko Jähnert
 
 

Neubrandenburg an einem Frühlingsnachmittag. Ich treffe Simone Schamann. Sie ist eine der wenigen Journalisten, die in der Corona-Zeit kritisch berichtet haben. Als Textchefin beim Nordkurier war sie die Hoffnung vieler Menschen, die die Maßnahmen kritisiert haben. Simone Schamann ist mit ganzem Herzen Journalistin. Nach vielen Jahren als „Freie“ in Berlin kam sie 2019 zum Nordkurier, einer der drei Tageszeitungen in Mecklenburg-Vorpommern. „Ich empfinde Journalismus nicht als Arbeit“, sagt sie. „Es ist Teil meiner Persönlichkeit. Ich will Dinge erfahren, verstehen und weitererzählen. Den Beruf habe ich als Volontärin der Axel-Springer-Journalistenschule bei der BZ in Berlin gelernt. Boulevard-Journalismus liebe ich bis heute. Politisch wurde die Arbeit für mich erst durch Corona. Doch egal, ob Unterhaltung oder Politik: Sagen, was ist – und nicht, was sein sollte. Das verstehe ich unter Journalismus.“

Wir gehen ein Stück den Weg an der Stadtmauer entlang, der einmal um die Innenstadt von Neubrandenburg führt. Diesen Weg ist Simone Schamann in der Corona-Zeit fast jeden Tag gegangen, zusammen mit ihrem damaligen Chefredakteur Jürgen Mladek. „Wir haben beim Spazierengehen überlegt, wie wir heikle Themen aufbereiten und Überschriften formulieren können, ohne den Hatern zu viel Futter zu liefern. Manchmal sind wir auch mehrere Runden hintereinander gelaufen. Angegriffen wurden wir trotzdem.“

Der Nordkurier berichtet und der Mainstream hetzt

Wann haben Sie begonnen, am Corona-Narrativ zu zweifeln?

Sofort ab März 2020. Als ich die Videos aus China gesehen habe, wo angeblich Menschen mit Schaum vorm Mund auf der Straße zusammengebrochen sind. Da war mir klar: Irgendetwas stimmt hier nicht. Was sich daraus entwickelt hat, war so riesig, dass wir es zuerst kaum glauben konnten. Wir hätten nie damit gerechnet, als Journalisten über eine derart dystopische Krise im eigenen Land berichten zu müssen.

Was war Ihr erster kritischer Artikel zur Corona-Politik?

Das war im April 2020. Da habe ich über die Rechtsanwältin Beate Bahner aus Heidelberg berichtet. Sie war eine der ersten, die sich mutig gegen die Einschränkung von Grundrechten ausgesprochen hat und dann für ein paar Tage unter fragwürdigen Umständen von der Bildfläche verschwand.

Haben Sie geahnt, welche Reaktionen Ihre Texte auslösen würden?

Ja, ich hatte eine Vorahnung. Die wurde aber weit übertroffen. Sowohl vom Hass als auch von der Dankbarkeit, die mir entgegengebracht wurden.

Gab es einen Moment, an dem Sie Angst vor Konsequenzen hatten?

Nein, Angst würde ich es nicht nennen. Allerdings fing ich an zu befürchten, dass ich in den Mainstream-Medien wohl nie wieder einen Job bekommen würde.

Wie wurden Ihre Texte im eigenen Haus aufgenommen?

Die Chefredaktion hat voll hinter mir gestanden. Aber die meisten Kollegen hatten wenig Verständnis oder haben geschwiegen.

Welche Reaktionen haben Sie am meisten enttäuscht?

Kritik und Häme von anderen Journalisten. Viele haben öffentlich über mich hergezogen, mir handwerkliche Fehler unterstellt, weil ich mit Menschen gesprochen habe, die für sie selbst tabu waren. Ein monatelanger Shitstorm. Auf Twitter wurde herablassend kommentiert, das Gespräch gesucht hat niemand. Lars Wienand von T-Online schrieb zum Beispiel, ich würde zwar journalistisch vorgehen, hätte aber eine „üble Agenda“. Lediglich die taz hat mit uns geredet und ein Interview mit Jürgen Mladek gemacht.

Und von Leuten außerhalb der Medien?

Es gab Hater, die jeden einzelnen meiner Texte mit richtig harten Beleidigungen versehen haben. Selbst Ärzte haben Hass-Mails geschickt. Einer schrieb, ich hätte Menschenleben auf dem Gewissen.

Mit welcher Unterstützung haben Sie am wenigsten gerechnet?

Ich wurde für ein Journalismus-Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung interviewt. Ansonsten gab es zum Glück sehr, sehr viele Leser, die geschrieben haben: Lassen Sie sich nicht einschüchtern, geben Sie nicht auf. Auch aus den alternativen Medien kam viel Anerkennung. So berichtete die Achse des Guten mit der Überschrift „Ausgestoßene der Woche“ über die Kampagne gegen mich. Bekannte Coronakritiker teilten jeden Artikel auf Telegram, was Reichweite brachte. Die Unterstützung hat gutgetan. Dadurch habe ich die Alternativmedien eigentlich erst entdeckt.

Haben Sie manchmal daran gezweifelt, das Richtige zu tun?

Nein. Ich war überzeugt, das Richtige zu tun.

Sie haben über alle Facetten des Coronawahnsinns berichtet. Von Querdenken bis zu Impfschäden. Was war Ihr persönliches Negativ-Highlight?

Der Impfwahn und die dräuende Impfpflicht. Die Ausgrenzung von Menschen durch die 2G-Regelungen. Krass war, dass es sogar Überlegungen gab, Quarantäneverweigerer in den Knast zu stecken. Unfassbar auch die Ausgangssperren, besonders absurd hier in Mecklenburg-Vorpommern! Ich erinnere mich an einen Artikel über die Uni Hannover, wo die Benutzung der Treppen nur mit dem Gesicht zur Wand erlaubt war. Die Hausdurchsuchung beim Weimarer Richter, der die Maskenpflicht für zwei Kinder aufgehoben hatte. Da waren so viel Wahnsinn und totalitäre Anflüge.“

Simone Schamann über die Corona-Berichterstattung

Mich interessiert, ob mit Corona der echte Journalismus beim Nordkurier begonnen hat und wie sie die Arbeit der Medien im Rückblick sieht. Simone Schamann lobt die damalige Chefredaktion. Schon vor Corona habe es unter Jürgen Mladek keine Gehirnwäsche gegeben. Die Leser sollten sich ausdrücklich eine eigene Meinung bilden können. So habe er beispielsweise durchgesetzt, dass wertende Adjektive wie „rechtspopulistisch“ in Bezug auf die AfD weggelassen werden. Auch Schreibtisch-Journalismus hätten er und sein Stellvertreter Gabriel Kords nicht toleriert. Durch dieses Berufsverständnis konnte Simone Schamann das tun, was Aufgabe einer Journalistin ist: hinfahren, nachfragen, hinterfragen, berichten. Der Berichterstattung in den Leitmedien gibt sie eine „glatte Sechs“: „Das war ein Komplettversagen.“ Eines von zahllosen Negativ-Beispielen: ein Bericht über Querdenken-Demos im Berliner Tagesspiegel. „Da wurden die Menschen bereits im Aufmacher-Foto entmenschlicht mit verzerrten Gesichtern gezeigt und im Text natürlich als rechts, dumm und Corona Leugner hingestellt.“

Simone Schamann ließ sich auch von mehreren Anzeigen und einer Missbilligung vom Presserat nicht kleinkriegen. „Die Chefs und ich wussten, dass wir journalistisch sauber arbeiten und die Anzeigen politischer Natur waren. Wir haben das als Auszeichnung betrachtet“, sagt sie lachend.

Aufarbeitung und die Rolle der Medien

Während wir uns unterhalten, kommen immer wieder unglaubliche Vorgänge von damals hoch. Die Verfolgungsfahrt der Polizei nach einem Jugendlichen, der keine Maske getragen hat, oder die Vertreibung von Menschen von einer Eisfläche durch einen Hubschrauber. Ich möchte von Simone Schamann wissen, was die Lehren aus dieser Zeit sind.

Würden Sie irgendetwas anders machen?

Ich wundere mich rückblickend, dass ich mich auf Twitter nicht gegen die Hater zur Wehr gesetzt habe. Ich habe es einfach über mich ergehen lassen. Das würde ich heute anders machen.

Gab es Entschuldigungen oder nachträglichen Zuspruch?

Nein.

Was war Ihrer Meinung nach der größte Fehler der etablierten Medien?

Dass sie sich als verlängerten Arm der Politik betrachtet und dabei auch noch vorbildlich gefühlt haben. Ihre Aufgabe, die Leser zu informieren, haben sie mit Inbrunst nicht erfüllt. Stattdessen wurde bevormundet.

Ist ein solches Verhalten zukünftig wieder möglich?

Natürlich. Sie haben nichts gelernt. Man sieht das an den aktuellen Themen, von Klima bis zum Ukrainekonflikt.

Haben die Leitmedien überhaupt Interesse an einer Aufarbeitung?

Ich glaube nicht. Dann müssten sie ja ernsthaft reflektieren. Das geschieht kaum und wenn dann nur mit ganz viel Milde. Das, was jetzt „zugegeben“ wird, ist nur ein Feigenblatt und der Größe des Verbrechens, was an den Bürgern stattgefunden hat, nicht angemessen. Ich denke zum Beispiel an das Panikpapier aus dem Innenministerium. Da müssten sich die Medien doch fragen: Warum haben wir darüber damals nicht tagelang mit riesigen Schlagzeilen berichtet? Und: Natürlich hat auch die Regierung bis heute kein Interesse an einer echten Aufarbeitung. Deshalb fragen die Journalisten auch weiterhin nicht kritisch genug nach.

Der Wechsel zu Nius und die Zeit bis heute

2023 hat Simone Schamann den Nordkurier verlassen. „Wir waren durch die ständigen Anfeindungen ausgebrannt. Journalistisch ging es für mich dort einfach nicht weiter.“ Sie wechselte zu Nius. Dort ist sie Chefin vom Dienst und Autorin. Die Querdenken-Bewegung und der Umgang mit den Sprechern der Bewegung, vor allem Michael Ballweg, ist weiterhin ihr Spezialthema. Bei Nius ist sie endlich nicht mehr Einzelkämpferin. „Es ist meiner Meinung nach das einzige große Portal, das die katastrophale Politik in Deutschland mit angemessener Dringlichkeit thematisiert. Die Verantwortlichen für Wirtschaftsflaute und Demokratieschwund werden klar benannt. So muss es sein.“

Ich möchte wissen, wie sich Simone Schamann informiert. „Aus beruflichen Gründen scanne ich jeden Tag eine Vielzahl von Medien. Gerade die Mainstream-Medien bieten immer wieder Anlass für Berichterstattung.“ Sie lese auch in Alternativmedien, allerdings gäbe es leider auch dort oft eingeschränkte Sichtweisen. „Man sollte nicht den gleichen Fehler wie die Etablierten machen und ideologische Abgrenzung und Verzerrung etablieren. Aktuell ist das zum Beispiel beim Thema Israel der Fall, was ich erschreckend und vollkommen inakzeptabel finde.“

Zum Schluss interessiert mich, wie für Simone Schamann das optimale Mediensystem aussehen würde. „Medien müssen unabhängig von der Politik berichten. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte erhalten bleiben, aber komplett umstrukturiert werden. Dort sitzen Politiker in den Aufsichtsgremien. Warum???“

Die Artikel von Simone Schamann sind beim Nordkurier noch abrufbar. Ein Zeitzeugnis.

Bildbeschreibung

Bildquellen: leonardo.ai, @Simone Schamann